Ein paar Gedanken über Journalismus 2.0: Benetzt, (noch) nicht durchdrungen

Catcontent ist heute ein geflügeltes Wort, wird für Wahlkämpfe instrumentalisiert und langsam aber sicher werden auch in unseren Breitengraden Medienexperten auf rasende Entwicklungen auf digitaler Ebene aufmerksam.

Ihre Reaktionen darauf sind aber von einem schrägen Missverhältnis geprägt. Aktuelle MedienexpertInnen zeigen sich auf der einen Seite versiert was den Umgang mit den Netzinhalten betrifft, auf der anderen, der strukturellen nämlich, zeugen ihre Argumente auch mehr von analogem Denken als der Debatte angemessen wäre. Sie versuchen immer noch, dem Onlinejournalismus und dem Netz im Speziellen unter die Schablone des klassischen Journalismus zu pressen und bemerken dabei nicht, dass diese einer eigenen Mechanik und Dynamik folgen, die damit nicht zu vereinbar ist – sondern ein adäquater Mechanismus gefunden werden muss, um sinnvoll und nachhaltig diskutieren und handeln zu können.

Den Anstoß für diese Gedankensammlung lieferte die kürzlich initiierte Diskussion über die Zukunft des Onlinejournalismus. Getitelt wurde dort mit „Die BuzzFeed-Falle – Journalismus für grenzdebile Idioten“ und argumentiert, die Idee einer Buzzfeedisierung des digitalen Journalismus könne unmöglich aufgehen – Zum einen, da Ideen auf dieser Plattform nur „geklaut“, und dann als einzige Funktion überemotionalisierend Sinnfreies verbreiten würden, zu allem Überfluss in Form von Listen.

Dagegen kann man einwenden: Es ist ein dem Menschen ureigener Spleen, Listen zu erstellen, zu organisieren, zu systematisieren– aus dem einfachen Grund, dass abstraktes Wissen so in seiner Komplexität reduziert, kategorisierbar, greifbar wird. Wo sich zugleich auch die mit  einer der (wohl konstanten) Kernkompetenzen des Journalismus: Kontextualisierung.

Dass dies auf Buzzfeed momentan willkürlich und tränentreibend betrieben wird, ist wohl ein eher ephimäres Problem, die ausreichende Beimengung journalistischer Expertise Abhilfe verschaffen kann.

Das zweite Argument bezieht sich auf die mangelhafte Qualität der getradeten Informationen, die in den Dunstkreis des Boulevards gerückt und verteufelt werden.

A possible way to have and eat the cake

Unterhaltender Content und Informationen von Neuigkeitenwert werden da als naturgemäß sondierte Teile betrachtet, als strenges Gegensatzpaar, das gezwungenermaßen einen Kontrast bilden muss. Da drängt sich angesichts der Popularität und flexiblen Oberfläche des Netzes die Frage auf: Warum eigentlich? Warum sollten spannende, politische nicht zwischen spannenden popkulturellen, wissenschaftliche nicht neben den Erfahrungen einzelner bestehen können? Diese Segmente sind durchaus komplementär, und zu verbinden,  ohne dass an Seriösität eingebüßt werden müsste oder Gefahr gelaufen würde, belächelt zu werden.

Da im Netzcharakter das Äquivalent einer Blattlinie nicht möglich ist,  ist es auch eben sowenig sinnvoll, eine solche auf  Biegen und Brechen zu verfolgen. Schließlich konstituieren sich virtuelle Pfade nicht linear, sondern mehr wie eine Spinne, aus der der/die User/in sich herauspicken kann, was er/sie will und – wenn erwünscht – seine/ihre Suchoptionen/Lesegewohnheiten, Sonstiges verfeinern, personalisierend auf ihn/sie abstimmen kann oder sich ungehemmt im Datendschungel treiben lassen. Hier wird dann deutlich, dass die Diskutierenden mit dem Denken der Digital Natives noch stelzen.

Man muss in einer auf in allen Richtungen verlaufenden Pfaden keine Entweder-oder-Entscheidung mehr treffen, da beides als Juxtaposition koexistieren kann. Der Hinweis auf den momentan kritischen Umgang mit geistigem Eigentum darf dann nicht zum fadenscheinigen Gegenargument werden, sondern die Debatte um Onlineplagiat neu entfachen. Die Fragmentarisierung des Medienangebots und -verhaltens sowie das Schüren von Zukunftsängsten um journalistische Zukunft darum laufen aber in die entgegengesetzte Richtung. Einige grundlegende Prinzipien können, sollen, müssen mitgenommen, verkommene Pfade wie die strikte Trennung von Unterhaltung und Informationsgenerierung allerdings verlassen werden.

Zudem ist der Beruf des Journalisten durch den Netznutzen relativiert, da für eine maßgebliche Aufgabe – Recherche – von jedem Laien übernommen werden kann. Vor diesem Hintergrund etablieren sich dann Frageportale wie etwa Quora, wo Empirie ein Echo an einzelner persönlicher Expertise ist – diese haben vor allem die Qualitäten, authentisch und am Puls der Zeit zu sein: Hier geben sich Experten und Laien die virtuelle Türklinke in die Hand – eine fast basisdemokratische Verarbeitung und Verbreitung von Information.

Die Konsequenz?

Die “Generation 4Chan” schüttelt mühelos-lässig aus dem Handgelenk, was klassische JournalistInnen sich momentan erst mühsam aneignen und dann – wie auch Karsten Lohmeyer bemerkt –  doch kaum mehr tun, als bekannte Strukturen auf die Netzebene zu übertragen. So ergeben sich zwei Handlungsmöglichkeiten: Der aktuelle Journalismus bekennt sich dazu, konstitutive Eckpfeiler digitaler Formate (Spinne, Links, Juxtaposition) aufzunehmen und überkommene Ideen, die nur einen Modus bedienen (Blattlinie, Scheuklappen), aufzugeben. Die zweite Möglichkeit besteht darin, den Digital Natives ein journalistisches Instrument in die Hand zu geben, sie in Unternehmen aufzunehmen, oder eben für weniger Versierte als MentorInnen  einzusetzen (hierin liegt meines Erachtens ein ungemeines Potential); jedenfalls geben beide Varianten keinerlei Anlass zu Panik hinsichtlich der Zukunft des Berufstandes oder der Qualität.

Kommunizierende Kanäle

Was in der Diskussion nämlich etwa außen vor gelassen wird ist, dass eine Form im Stil von Buzzfeed ja nur ein Mosaikstein in der neuen Struktur sein müsste. Daneben könnte problemlos nachhaltige Medienstruktur stehen, die aber nicht klassisch abgebildet wird, sondern wieder die Möglichkeit zur Vernetzung aufnimmt (dieses Format existiert bereits unter onon.at). Eine solche alternative Plattform braucht dabei gar nicht den Anspruch haben, allumfassend Informationen zu liefern, sondern kann sich damit begnügen, eben mit einzelnen Splittern Neuigkeiten in kompromittierter Form widerzuspiegeln – anzuteasern (Bitte, nennt es Teasefeed oder Sonstiges, to get a glimpse) Neugierde zu erzeugen und so den/die weiter interessierte/n Leser/in zu profunderen Inhalten weiterleiten können. Desinteressierte können indes an der Oberfläche bleiben, dennoch up-to-date sein, daneben über einen Graph stolpern, einen Mashup an kuriosen Fakten über John Stuart genießen oder herausfinden, wie es ist, sein Unternehmen an Google zu verkaufen.

Solche vielschichtigen, heterogenen Medienträger erhöhen dann die Wahrscheinlichkeit, LeserInnen für Höherwertiges gewinnen zu können: gemäß eines Prinzips des darüber Stolperns, das von StumbleUpon folgerichtig aufgegriffen wurde. So ist damit einerseits der Bildungsauftrag abgedeckt, dessen Horizont gar erweitert, da durch den Umweg von Unterhaltung auf gleicher Stufe potentiell mehr LeserInnen für Inhalte erreichbar sind. Zugleich ist ein Paradigmenwechsel hin zu einem freieren Medienkonsum hin geöffnet.

Fazit

1) Man sieht, dass die Überlegungen hinsichtlich eines gegenwartsnahen Onlinejournalismus noch immer in Kinderschuhen stecken – aber dass es Möglichkeiten gibt, die Infrastruktur von Grund auf neu zu denken. So kann sich dann ein ausgeklügeltes, zeitgemäßes System entwickeln, das unseren Fortschritten gerecht wird und möglicherweise die lästige Konkurrenz von Print- und Onlinejournalismus obsolet macht, da Vergleichsmöglichkeiten verschwindend gering würden und beide Konzepte autark und ihren inneren Logiken gemäß existieren könnten. Solange ein Gap besteht, wo der Denkstil des einen Systems in die andere gezwungen wird, ist es  nicht möglich, auf Augenhöhe zu agieren.

2) Die Flächen bestehen und warten darauf, adäquat bewirtschaftet zu werden, die Humanressourcen sind ebenfalls zahlreich vorhanden. Festgezurrte Spießigkeiten auch auf dieser Ebene aufzugeben könnte also durchaus fruchtbar sein.

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